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Ost-Landtechnik: Das rettende Ufer ist längst noch nicht erreicht

Mehr als drei Jahre nach der Wende schwanken die großen Landtechnik-Hersteller in Ostdeutschland noch immer zwischen Bangen und Hoffen. Zwar kann die Technik mit dem Weststandard konkurrieren. Doch wirtschaftlich stehen die Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Die Exporte nach Osteuropa sind derzeit noch lebenswichtig.

Häckslerproduktion bei LTS in Schönebeck: Letztes Jahr wurde in dem modernen Werk nur vier Monate produziert. Einst wurden hier 6000 Häcksler im Jahr gebaut. (Bildquelle: Redaktion profi)

Wenig geblieben

Aus profi 6/1993
Schon drei Jahre nach der Wende machte sich nach anfänglicher Euphorie in der ostdeutschen Landtechnikbranche erhebliche Ernüchterung breit. Jeder weiß, wie es mit den Unternehmen weiterging...
Nach der Wende, in den ersten Monaten des Jahres 1990, war die Euphorie groß. Zwar wussten die Unternehmen, dass ihnen einschneidende Veränderungen bevorstanden. Doch die Ost-Landtechnik-
Kombinate wurden von etlichen West-Firmen umworben, so dass viele dachten, mit einem starken Westpartner wird es schon nicht gar so schlimm werden.
Heute ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen: Angesichts des weltweit schrumpfendes Landtechnik-Marktes gelingt es nicht einmal den Westfirmen, die vorhandenen Produktionskapazitäten auszulasten. Die großen Namen aus dem Westen haben sich bis auf wenige Ausnahmen schnell wieder aus dem Osten verabschiedet.
Landtechnik aus der DDR war gleichbedeutend mit dem Namen des „Kombinats Fortschritt“. Rund 65 000 Mitarbeiter beschäftigte die Landtechnik-Industrie der DDR, davon etwa 50 000 allein im Kombinat Fortschritt. Zum Vergleich: In Westdeutschland sind es zur Zeit etwa 40 000. Die Mitarbeiter waren allerdings nicht nur in der Produktion beschäftigt. Zum Kombinat gehörten auch Baukolonnen, Kindergärten, Berufsschulen, Wohn- und Erholungsheime und andere Institutionen.
Nach der Wende kam dann der scharfe Schnitt, der die Zahl der Mitarbeiter in den Ost-Betrieben gewaltig schrumpfen ließ: In den Landtechnik-Betrieben, die noch im Besitz der Treuhand-Anstalt sind (und das sind die größten), sind derzeit nur noch rund 4 700 Mitarbeiter registriert. Rund 966 Mio. DM, so wird geschätzt, setzen die Treuhand-Firmen in diesem Jahr um. Zum Vergleich: Allein die Claas-Gruppe setzte 1991/92 mit 5200 Mitarbeitern weltweit 1,1 Mrd. DM um. Hat die gesamte deutsche Landtechnik volkswirtschaftlich bereits eine eher geringe Bedeutung, dann ist die Ost-Landtechnik kaum mehr als eine Fußnote.
Und wäre da nicht die Treuhand, die die größeren sanierungsfähigen Betriebe monatlich mit zwei bis dreistelligen Millionen-Beträgen füttert, dann wäre es um die Unternehmen längst geschehen.
Doch allmählich drängt die Glucke Treuhand ihre Küken aus dem Nest: Ende dieses Jahres sollen die restlichen 15 Treuhand-Unternehmen privatisiert sein. Wie das zu schaffen ist, bleibt das Geheimnis
der Treuhand, denn die letzten Jahre waren nicht besonders vielversprechend. Derzeit stehen die ostdeutschen Unternehmen vor schier unlösbaren Problemen:
1. Der noch unverzichtbare Markt in Ost-Europa (vor allem die GUS-Staaten) bröckelt zusehends.
2. Auch der zahlungskräftige Markt in Westeuropa schrumpft weiter, kaum dass er erschlossen ist. Selbst
mit technisch wettbewerbsfähigen Maschinen ist der Durchbruch noch nicht geschafft.
3. Der Spagat zwischen „Halten des Ostmarktes“ und „Fußfassen auf dem Westmarkt“ kostet gerade in der Umstellungsphase der Unternehmen viel Kraft und Geld.
Schwer wiegt vor allem die Abhängigkeit von Ost-Europa. Zum Beispiel die Landtechnik Schönebeck (LTS) in der Nähe von Magdeburg: Hauptumsatzträger ist hier der Selbstfahrhäcksler „Maral“.
1992 wurden rund 1 900 Häcksler verkauft, 1993 werden mindestens 1 600 angestrebt. Die Hauptmärkte sind Russland, Ukraine und Kasachstan, wohin bis zu 90 % der Produktion geliefert werden. Das hat Konsequenzen: „In den Jahren '93 und '94 ist der Ost-Markt für uns lebenswichtig“, schätzt Vorstandsmitglied Dr. Erdmann Puls die Situation ein. Erst dann werde man im Westen soweit Fuß gefasst haben, dass man ohne Ost-Markt auskommen könne - so die optimistische Prognose.
Nicht viel anders sieht es bei Fortschritt in Neustadt (Sachsen) aus. 80 % vom Umsatz in Höhe von 175 Mio. DM (1992) wurden in Osteuropa erzielt. Das Zugpferd ist nach wie vor der Schwadmäher. Doch auch hier sind die Zeiten vorbei, in denen jährlich mehrere tausend Stück verkauft wurden. 1992 wurden nach Russland, Weißrussland, Ukraine und Kasachstan rund 2 000 Schwadmäher verkauft. Für 1993 geht Fortschritt von ähnlichen Stückzahlen aus. In Westeuropa ist der Schwadmäher dagegen, von Einzelstücken abgesehen, unverkäuflich.
In den letzten beiden Jahren wurden die Lieferungen in die GUS-Länder größtenteils zu Sonderkonditionen verkauft und über Hermes-Kredite des Bundes gedeckt - nicht zuletzt aus politischen Gründen, weil die Bundesregierung den GUS-Staaten wirtschaftlich auf die Beine helfen will. Glück für LTS und Fortschritt.
Pech allerdings für den Mähdrescher-Hersteller MDW in Singwitz bei Bautzen. Der Hauptmarkt für die MDW-Mähdrescher lag nicht in den heutigen GUS-Staaten, sondern in der ehemaligen CSFR, in Ungarn, Bulgarien und natürlich auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. 6 bis 7 % der Mähdrescher gingen Richtung Westeuropa. „Wir hätten sicher viel besser dagestanden, wenn die Bundesregierung mit der früheren CSFR das gleiche veranstaltet hätte wie mit der ehemaligen Sowjetunion“ , meint MDW-Vorstandsmitglied Lothar Schreier und spielt damit auf die Hermes-Kredite an: „Dann hätten wir auch einen sicheren Absatz von mindestens 300 Maschinen nachweisen können.“
Bittere Konsequenz für MDW: keine Hermes-Kredite, also kein Absatz. Somit standen die Karten für MDW von Anfang an schlecht. Das Unternehmen erhielt von der Treuhand-Anstalt den Stempel „nicht sanierungsfähig“ und trägt seitdem diesen Makel mit sich herum. Dadurch wurde MDW nicht entschuldet, und jegliche Investitionsmittel wurden dem ehrgeizigen Unternehmen vorenthalten. Doch angesichts der Zahlen für 1993 ist das der Treuhand kaum zu verdenken: Vor der Wende baute das Werk jährlich über 4000 Mähdrescher. Die Zielvorstellung für die nächsten drei Jahre beläuft sich auf jährlich auf immerhin 800 bis 1000 Stück. Doch tatsächlich ist MDW auch davon weit entfernt: Nicht einmal 300 Mähdrescher wird MDW in diesem Jahr bauen!
Für einen Hersteller von Großmaschinen mit enormen Entwicklungsaufwand bedeutet eine solche Zahl auf lange Sicht das Aus. Und jetzt droht tatsächlich die Liquidation des Unternehmens. Ende April war noch Stand der Planung, dass MDW ein Geschäftsbereich von Fortschritt wird. Doch angesichts des Liquidationsverfahrens wird daraus wohl nichts werden. Lothar Schreier glaubt trotzdem, dass weiterhin MDW-Mähdrescher gebaut werden.
Ein weiteres Problem ist die Entwicklung neuer Maschinen, mit denen sich die eigene Produktpalette für den Westmarkt erweitern ließe. Hier haben die Firmen Beachtliches geleistet. Bei LTS soll in Zukunft der neue SF-Häcksler „Maral 150“ mit 153 kW (208 PS) ein neues Zugpferd werden. Hoffnung setzt LTS auch in den völlig neuentwickelten Systemschlepper „Systra“.
Dabei schielen die Schönebecker nicht auf den großen (aber schrumpfenden) Traktorenmarkt. „Wir wollen eine Nische bedienen“, so Marketing-Leiter Helmut Jaeckel. Der „Systra“ kann in der Landwirtschaft, im Gartenbau und im Kommunalbereich eingesetzt werden. Offen bleibt, ob diese Nische groß genug ist, um schon in den nächsten beiden Jahren nennenswerte Gewinne einzufahren. Wie dem auch sei:...

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